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Mein erstes Mal!

100 km Biel –„ Die Nacht der Nächte !“ - 11./12.6.2010

Ein Bericht von Gabi Lipfert

Bereits 2004 als ich mit dem Laufen angefangen und meinen ersten Marathon bestritten hatte, wusste ich, nachdem ich immer wieder das Leuchten in den Augen meiner Lauffreunde sah, wenn sie von Biel berichteten, dass ich da unbedingt auch mal hin muss.

Als dann meine Lauffreunde Hartmut und Ulli Ende März erzählten, dass sie dieses Jahr nach Biel fahren, fasste ich den Entschluss „jetzt oder nie!“

Über die Biel-Internetseite www.99km.ch holte ich mir in nachfolgenden Wochen Informationen, Anregungen, Motivationen, las alle Laufberichte und druckte mir von dort auch einen Trainingsplan aus (den für 13h +…). Eigentlich hätte das Training danach ja bereits im November beginnen sollen. Aber ich bin ja immer gelaufen und da mussten, nun 10 Wochen Intensivtraining mit 4 Tage -Trainingseinheiten und 35 -70 Wochenkilometern ausreichen. Außerdem achtete ich in diesen Wochen etwas auf meine Ernährung und schaffte es mein Gewicht um etwa 5 kg zu reduzieren.

So fühlte ich mich gut gerüstet als wir am 10.Juni, dem Vortag des Laufes, mit dem Flugzeug nach Basel und weiter mit der Bahn nach Biel aufbrachen. Wir, das waren Hartmut, von meiner Laufgruppe Borussia-Friedrichsfelde , Uwe von den Hönower Schildkröten und ich. Ulli war noch kurzfristig ausgefallen. Auch Hartmut würde wegen einer Erkrankung nicht laufen können, mich aber dafür als Coach auf dem Fahrrad begleiten. Gegen Mittag bezogen wir in Biel das Best Western Hotel in der Nähe des Bahnhofes. Wir hatten Glück, konnten die beiden gebuchten Doppelzimmer noch in ein 3-Bett-Zimmer umbuchen.

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Am Nachmittag erkundeten wir dann die Stadt, fuhren mit der Standseilbahn auf die Höhe Magglingen , genossen von dort  den herrlichen Blick auf Biel und Umgebung und wanderten weiter zur Bergwirtschaft Hohmatt. Das Wetter war schön sonnig und warm. Die große Frage war jedoch : „ wie wird das Wetter morgen?“ Uwe war ständig damit beschäftigt, irgendwoher die neusten Wetterprognosen zu erhalten. Denn die Voraussage, ob es regnet oder nicht, konnte bisher noch nicht getroffen werden. Bisher sprach alles eher für Regen.

Am Abend fuhren wir dann zum Eisstadion (Start/Ziel) die Startunterlagen abholen und um die Fahrradvignette für Hartmut als Begleiter zu erwerben. Anschließend aßen wir in einem Restaurant ganz lecker Abendbrot. Uns hat es dort so gut gefallen, dass wir uns gleich wieder für Sonnabendabend angekündigt haben.

Dann war er da der 11. Juni, der Tag des Starts! Wir standen gegen 08.00 Uhr auf gingen Frühstücken, holten für Hartmut das über Internet bestellte Leihfahrrad ab und machten einen Spaziergang zum Bieler See. Anschließend verbrachten wir 1h damit zu, unsere Sachen für den Lauf zur richten, zu packen und alles bereit zu legen. Um 13 Uhr gingen wir dann Pizza essen. Ich hatte im Internet gelesen, dass Pizza die beste Mahlzeit vor einem Marathon ist, da sie alle wichtigen Elemente ( Kohlenhydrate, Chrom …) enthält. Nach dem Essen war Mittagsschlaf angesagt. Ich habe jedoch höchstens nur 1h schlafen können, da der Verkehrslärm durch die Kreuzung unmittelbar vor unserem Hotel so laut war. Gegen 19.00 Uhr fuhren wir dann zum Start, wo es dann nur noch warten, warten hieß bzw. zwischendurch immer mal wieder Toilette.

Um 21.15 Uhr machte sich dann Hartmut fertig um unter „Polizeischutz“ mit dem Fahrradkonvoi nach Lyss vorzufahren. Denn erst ab dort, also nach 20 km, war die Fahrradbegleitung erlaubt.

 

Um 22.00 Uhr ging es dann endlich los! Ich habe schon Respekt vor den 100 km. Mental habe ich die Strecke zwar bereits gewonnen aber spielen da auch die Beine, die Muskeln mit? Würde es mir auch wie Steffi, Holger … ergehen, die laut ihrer Laufberichte irgendwann zum Gehen gezwungen waren? Ich bin noch nie mehr als 73km gelaufen. Vor zwei Jahren den langen Rennsteig mit 73 km und dieses Jahr im März einmal 65 km. Mein Ziel für den Lauf war ankommen und das möglichst laufend.

So hielt ich mich an den Ratschlag, nicht zu schnell zu laufen, begann mit etwa 7.30 min/km. Aber ich verfolgte dass nicht weiter, lief einfach nach Gefühl im Wohlfühltempo.

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Durch das Stadtzentrum hindurch aus Biel hinaus war euphorisch. Rechts und links standen dicht gedrängt die Zuschauer, jubelten lautstark und winkten mit Leuchtstäben. Kleine Kinder rannten streckenweise mit bzw. hielten ihre Hände zum Abklatschen entgegen. Bei etwa der 8km dann der erste Anstieg. Viele hatten mir dringend geraten, die Anstiege zu gehen um Kraft zu sparen. So tat ich es, obwohl ich lieber gelaufen wäre.

Dann ging es aus der Stadt hinaus und nach 10 km in die Dunkelheit. Jetzt kam meine Stirnlampe zum Einsatz. Ich war froh sie mitgenommen zu haben, denn es war streckenweise richtig dunkel. Ohne Lampe hätte ich mich sonst an einen „beleuchteten Läufer“ hängen müssen und hätte nicht mein eigenes Tempo laufen können. Der Wettergott hatte es auch gut mit uns gemeint, das Regengebiet hat uns verschont. Allerdings war es recht schwül-warm. Bei etwa 12 km ging es über einen Feldweg. Das Korn duftete angenehm. Jetzt wurden wir auch von den ersten Halbmarathonläufern und kurz danach von den Marathonläufern überholt, die 30 min nach uns gestartet waren.

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Der erste Höhepunkt war Aarberg, das Ziel des Halbmarathons. Hier herrschte Volksfeststimmung. Es ging über eine überdachte historische Holzbrücke, die noch von applaudierenden Zuschauern gesäumt war. Im Nachhinein ärgere ich mich, mir nicht die Zeit zum Anhalten genommen zu haben, um Fotos zu machen.

 Dann kam Lyss bei 20 km, wo Hartmut mit dem Fahrrad auf mich wartete und mich von dort an begleitete. Er kümmerte sich rührend um mich und versorgte mich zwischen den Verpflegungsstellen mit Getränken und Energiespendern. Vor allem in der zweiten Hälfte war das sehr hilfreich und wichtig.

Mir ging es richtig gut, konnte gar nicht verstehen, dass einige schon gehen mussten. Zwischendurch kam ich mit einer Läuferin ins Gespräch, die das 2. Mal dabei war und auch bereits den langen Rennsteig in einer Zeit absolviert hatte, die meiner vor zwei Jahren entsprach.

Ich befragte sie deshalb zu Ihren Erfahrungen zur Lauftaktik beim 100ér, vor allem was das „Gehen“ betrifft. Sie meinte, dass man irgendwann eh gehen muss und da kann man auch bereits alle Anstiege gehen. Zunächst nahm ich diese Empfehlung noch an und marschierte die Anstiege hinauf. 

 ... also was das Streckenprofil betrifft, hat man mir immer gesagt, Biel wäre eine Flachstrecke. Das kann ich nun gar nicht bestätigen. Viel anders als beim Rennsteiglauf - Marathon ist das auch nicht, nur dass da noch 60 km Flachstrecke dazukommen.

 Gegen 3.00 Uhr erreichten wir nach 4:57:03 h Kilometer 38,5- die erste Zeitnahme. Mir ging es prima, ich hatte keinerlei Beschwerden. So erklärte ich Hartmut „fürs Protokoll“ dass ich weiterlaufen werde. Von etwa da ab lief ich auch wieder (bis auf den Berg nach Bibern) fast alle Anstiege. Gehen bringt mir bei den meisten Steigungen keine Erleichterung. Eher im Gegenteil, das Wiederanlaufen ist mir  unangenehm. Ich habe so eine Technik beim Laufen am Anstieg, dass ich überhaupt nicht aus der Puste komme und keine Anstrengung spüre.

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Weitere „magische Grenzen“ waren dann Kilometer 45 (Marathon ist geschafft!) und Kilometer  50. Die Hälfte ist geschafft! Hier musste natürlich ein Foto gemacht werden. Auch verkündete ich  lauthals einem Mitläufer, dass man nun weiterlaufen muss, da es ja zurück jetzt viel weiter als bis ins Ziel ist. Vor allem, mir ging es immer noch gut. Ja, so langsam merkte ich natürlich auch meine Beine, sie waren zeitweilig auch schwer aber das verging wieder. Es gab dann wieder Abschnitte, wo ich wieder total locker war. Ich denke es hing mit der Ernährung mit der Energiezufuhr zusammen. Auch dazu habe ich mich vorher ausführlich belesen. So habe ich an jedem Verpflegungspunkt immer zu mir genommen: ½ Becher Wasser, ½ Becher Brühe, 1 Beutel „Sponsor-Koffein-Gel“ + ½ Becher Wasser und ½ Becher Cola. Zwischen den Verpflegungspunkten, wenn mein Magen leicht knurrte bzw. meine Beine schwerer wurden, habe ich Ultra-Gel-Chips und Müsliriegel gegessen, die mir Hartmut beim Laufen reichte.

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Um 05:20 Uhr trafen wir dann in Kirchberg nach 07:20:15 h ein. Hier war die zweite Zeitnahme und Ausstiegsmöglichkeit. Außerdem mussten die Fahrradbegleiter für 10 km die Strecke verlassen , durften erst wieder ab Kilometer 65 begleiten. Eigentlich hatte ich vor dem Rennen mir überlegt, hier mal eine längere Pause zu machen, ggf. Massage …Aber ich hatte nicht das Bedürfnis und es war nicht notwendig. Mir gings gut, also weiter. Ich deckte mich noch mit 3 Ultra- Gel-Chips in der Hosentasche ein, da ich ja nun die nächsten 10 km nicht auf Hartmut als „Wasserträger“ zurückgreifen konnte und stürmte weiter. Jetzt ging es auf den berühmten  Ho-Chi- Minh- Pfad. Auf den hatte ich mich eigentlich gefreut. Aber die Konzentration darauf, auf dem teilweise unebenen, schmalen und verwurzelten Untergrund nicht zu Stürzen, war so groß, dass ich die romantische Umgebung gar nicht genießen konnte. Erst die letzten Kilometer waren wieder ein schöner Weg. Nach einem kurzen Stopp in den Büschen um meinen Darm, nach der „Holperstrecke“ zu entleeren, hatte ich plötzlich einen „Lauf“. Ich spürte richtig einen Energieschub und „raste“ an einigen langsam gehenden Läufern vorbei. Bei Kilometer 65 wartete dann Hartmut auf mich, dem ich nur zurief, dass ich nicht anhalten will, da es gerade gut läuft.

Hartmut erzählte mir dann, dass „Schildkröte“ Uwe etwa 30 min vor mir wäre und es ihm gut ginge.

Gegen 08.00 Uhr erreichten wir dann Bibern. Schon von weiten sah ich den Berg wo es dann  recht steil und lang hinaufging. Ich geriet jedoch bei dem Anblick nicht in Panik, sondern betrachtete es als Laufpause, die ich mir ja nach 76 km nun doch mal erlauben konnte. Vorher war jedoch noch bei Kilometer 76,6 die 3. Zeitnahme, die ich nach 10:10:31h durchlief. Mit einem Becher in der Hand nahm ich dann den Berg vergnügt in Angriff. Hartmut hatte mit seinem Fahrrad mehr zu kämpfen, dass er hochschieben musste, da es so steil war. Das schöne an Bergen ist jedoch, dass es meistens auch wieder runter geht und hier ging es runter, aber gewaltig! Runter ist ja sowieso  meine Stärke und so ließ ich mich wie gewohnt „rollen“. Ach, tat das meinen Muskeln gut, diese andere Belastung und vor allem das Hinunter „meterte“. So war bald Arch bei Kilometer 80 erreicht. Von nun an stand auf den Kilometerschildern zusätzlich die Angabe der noch zu laufenden Kilometer. Also noch 20 Kilometer, nur eine Sonntagstrainingseinheit! Ich wusste, dass hier nichts mehr anbrennt, ich in jedem Fall irgendwie ins Ziel kommen würde. Damit stellte sich aber auch eine leichte Laufmüdigkeit bei mir ein und zwar eher mental. Zum Glück kam jetzt ein sehr schönes Laufstück am Ufer der Aare entlang.

An der Verpflegung in Büren kurz vor Kilometer 90 war ich dann etwas müde und lustlos. Hinsetzen und ausruhen kam für mich nicht in Frage, die Angst nicht mehr hochzukommen war zu groß, außerdem sehnte mich danach schnell anzukommen um endlich den Triumph über das Geleistete erleben zu können. Es war wie eine Vorfreude auf Weihnachten in Kindheitstagen.

So dachte ich mir, vielleicht doch mal ein Stück zu gehen, dabei so munter zu werden, dass ich dann viel schneller laufen kann als vorher und alles noch schneller geht. Ich bin aber keine 100 Meter gegangen, da fragte Hartmut mich ob ich Probleme im Bein habe, da ich es irgendwie nachziehe und auch ein wenig schwanke. Nee…, ich hatte keine wirklichen Probleme, nur etwas müde und warum gehe ich eigentlich? Gehen ist doch viel anstrengender als Laufen! Außerdem ich kann ja auch noch laufen, habe keine Schmerzen. So war nach 100m das Thema „Gehen“ für mich endgültig erledigt. Ich lief weiter und wurde auch schnell wieder locker.

Die letzten 10 Kilometer überholte ich noch viele „Gehende“. Auch einen längeren Anstieg meisterte ich problemlos laufend. Dankbar war ich auch auf den letzten Kilometern dafür, dass Hartmut da war und mich laufend mit Getränken versorgte. Denn obwohl es nicht heiß war, das Wetter hatte es sehr gut mit uns gemeint, hatte ich schon wieder nach wenigen Kilometern einen trockenen Mund und war froh über die Getränkemöglichkeit außerhalb der Verpflegungspunkte.

Bei Kilometer 95 wechselte ich mein T-Shirt um in den Vereinsfarben der Laufgruppe zu finishen. Von hier ab wurde jetzt jeder Kilometer ausgewiesen der noch zu laufen war. Schon von Beginn des Laufes an, freute ich mich auf den Kilometer 99. In allen Laufberichten die ich gelesen hatte, wurde er erwähnt. So fieberte ich auch darauf hin. Ich wollte mich dort mit meinem Handy fotografieren lassen und das Foto gleich per MMS an meinen Mann nach Berlin schicken.

Dann sah ich das 99-Kilometerschild von weiten und schickte Hartmut vor um den Fotoapparat klar zu machen. Bei mir kullerten dann vor Freude die Tränen und ich ließ lauthals meine Emotionen raus. Zum Glück war gerade keiner in der Nähe. Dann das Foto mit Fotoapparat und Handy und der Versuch die MMS abzuschicken. Das klappte leider aus dem Schweizer Netz nicht. Hartmut ermahnte mich, nicht weiter so rumzutrödeln, ich könnte doch auch noch in 10 Minuten das Foto versenden. Ja, so bereitete ich mich auf den Zieleinlauf vor. Die letzten Meter machten richtig Spaß zu laufen, durch ein Spalier von Zuschauern und Sportlern, die bereits angekommen waren. Auch Uwe winkte mir kurz vor dem Ziel zu.

 Nach 13:37:44 h überquerte ich mit einem Schlussspurt die Ziellinie. Ich hatte es geschafft und meinen ersten 100-Kilometer-Lauf erfolgreich beendet.

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Durchgangszeiten und Zwischenergebnisse:

Kilometer

Zeit

Gesamtplatz - Frauen von 201

Platz Altersklasse W45 von 49

38,5

04:57:03

137

35

56,1

07:20:15

111

30

76,6

10:10:31

95

26

100

13:37:44

95

26

Gesamtplatz (Männer + Frauen ) von 1260 Klassierten nach 100 km : Platz 795