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7. Sächsischer  Mt. Everest Treppenmarathon 16./17.4. 2011

 Prolog:

 Seit 2004 laufe ich Marathon. Ich liebe das Event aber ich bin nicht laufsüchtig. Mit meinen Laufzeiten kann ich nirgendwo einen „Blumentopf“ gewinnen … ach doch wenn ich diese Zeiten halte, reicht es in 25 Jahren in der AK 75 beim Rennsteiglauf zum 3. Platz. So brauchte ich neue Herausforderungen. Solche, wo nur das „Ankommen“ schon ein Sieg ist. Dazu zählten für mich 2008 der Supermarathon beim Rennsteiglauf und letztes Jahr Biel. In Vorbereitung auf Biel studierte ich sämtliche Laufberichte dazu im Internet. Dabei stieß ich auf die Webseite von Heiko aus Hamburg www.schlussläufer.de  Seine Berichte sind nicht nur erfrischend, humorvoll und spannend, sondern für mich auch sehr motivierend. Was helfen mir Trainingspläne und Berichte von Topläufern. Nein, da ist einer, der vor allem durch Willensstärke und Ausdauer durchkommt. Das kann ich auch!

Durch Heiko erfuhr ich vom Radebeuler Treppenmarathon. Ich war sofort von der Idee dieses Laufes, den Mt. Everest zu erklimmen, fasziniert, auch wenn es „nur“ Höhenkilometer sind (allerdings vom Meeresspiegel aus). Da die Teilnehmerzahl bei diesem Lauf auf 60 begrenzt ist, meldete ich mich sofort zu Meldebeginn an. Nun kam ich aus dieser „Nummer“ nicht mehr raus und es nahm seinen Lauf …

Training:

 Dieser Lauf ist schon was Besonderes. In 24h eine Treppe 100x hoch und runter zu laufen. Wie trainiert man dafür richtig, dass es am Ende passt? Wochentrainingspläne gibt es dazu nicht im Internet. Natürlich, Treppen laufen so oft und so lange es geht… Das ist aber nicht mein Ding. Schließlich gibt es ja noch die Familie, den Beruf, die Laufgruppe… Also, Treppentraining nur so viel wie nötig! So schrieb ich einige der erfolgreichen Treppenläufer 2010 an. Rainer Kauczor antwortete und gab mir ausführliche Tipps zu Training und zum Wettkampf, die mich immer wieder zu konsequenten Treppentraining animierten. Dafür noch mal herzlichen Dank! Am 15. November fing ich mit dem Training an. Im Hochhaus nebenan mit 16 Etagen, 256 Stufen, trainierte ich zunächst 1x die Woche ca. 1h. Dazu kam dann noch das „normale“ Training mit der Laufgruppe von 10km und 20km in der Woche. Training in einem einsamen, kahlen Treppenhaus ist wirklich öde. Zum Glück gibt es Mp3-Player und spannende Krimi- Hörbücher. Ich bin da jetzt ein richtiger Fan geworden. Oft habe ich noch 1-2 Runden mehr gedreht, da es gerade so spannend war. Ich freute mich sogar auf das Training um weiter hören zu können. Treppe laufen ist wirklich was ganz anderes. Was sind 20km joggen gegen 1h Treppe. Treppe laufen geht ganz schön auf die Puste. Ab Januar habe ich die Treppeneinheiten in Anzahl und Dauer erhöht, trainierte 3x die Woche bis 2h. Nach meinem Verständnis muss mein Körper und die Muskeln diese Art der Belastung einfach nur kennen lernen, damit er dann am Tag der Entscheidung weiß, das ist nichts Ungewohntes, alles ist normal. Die Länge der Belastung muss dann nur noch über den Kopf gehen. Ob das so stimmt? Ich schaffte es einfach zeitlich nicht längere Trainingseinheiten hinzulegen. Meine längsten Einheiten waren März / April 2x 4h auf einer „Freilandtreppe“ mit 219 Stufen, bei uns am Müggelturm. „ Ups“ bemerkte ich da, Treppe ist ja nicht gleich Treppe. Die hier ist ja viel anstrengender als im Treppenhaus (wohl steiler). „Oh, was habe ich mir da eingebrockt?! Leichte Bedenken kamen auf, als ich nach 4 Stunden recht schwere Beine hatte und mir vorstellte das 24h lang machen zu wollen, also 6x so lange.

Der Lauf:

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Endlich ist er da der Tag, an dem ich in Radebeul den Mt. Everest besteigen werde. Bereits am Freitag bin ich in Begleitung meines Mannes Andreas angereist um auch ausgeruht zu sein. Im Zelt treffe ich zum ersten Mal Heiko, der ja „schuld“ an meinem hier sein ist und die anderen Mitläufer. Man fühlt sich sofort als Gemeinschaft und verbunden. Einige der Läufer nehmen aufgrund der phantastischen Atmosphäre schon zum wiederholten Male an diesem Lauf teil, auch in dem Wissen, es nicht unbedingt bis zum Ende zu schaffen. Das ist jedoch nicht mein Bestreben. Ich will auf den Gipfel!!!! Dafür habe ich 24h Stunden Zeit. Genau das ist die Frage, würde ich das zeitlich hinbekommen, bin ich schnell genug? Mentale Ausdauer habe ich, kann kämpfen wenn es ums Durchhalten geht. Rein rechnerisch muss man durchgängig über 24h eine Runde in 14 Minuten absolvieren um es zu schaffen und hat dabei 40min Zeit für Pause (Kleiderwechsel, Pipi, Essen, ggf. Massage…)zur Verfügung.

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Auf so eine „ enge Kiste“ wollte ich mich erst gar nicht einlassen. Mein Plan war vorzulegen, solange ich noch frisch bin. Denn mir ist klar, hinten raus werde ich bei dieser Distanz müder und langsamer, egal ob ich nun schnell oder langsam beginne. Ich nahm mir also vor in 10 Stunden, d.h. bis 2.00 Uhr nachts 50 Runden zu absolviert, also die Hälfte. Das bedeutete 5 Runden pro Stunde in jeweils 12 Minuten. Dabei hoffte ich auf meine Bergab-, bzw. Treppabstärke. Nach der ersten Stunde merkte ich, dass das Tempo stimmt. Runter ist eh nicht kräftezehrend und hoch stieg ich bewusst entspannt ohne zusätzlichen Kräfteeinsatz. So hatte ich Rundenzeiten unter 12 Minuten, am Anfang wohl sogar unter 11 Minuten. Das sagte man mir aber erst später. Ich hatte zunächst erst mal meine Probleme mit der oberen Wende. Ich musste mich konzentrieren, mit dem Transponder die Rundenzählung auszulösen, zu trinken und zu essen und dann noch auf den Bildschirm zu schauen um meine Rundenanzahl und –zeit zu finden. Das letztere gelang mir dann regelmäßig erst nach 1 Stunde. Dafür vergaß ich dann aber oft mir ein Koffein-Energie-Gel aus meiner Selbstversorgung einzustecken, um es dann an der unteren Wende beim Hinaufgehen in aller Ruhe mit Wasser „verspeisen“ zu können. Seit Biel schwöre ich auf diese Dinger von Sponsor. Das einzige Problem dabei ist, irgendwann will mein Magen auch mal was Festes dazu. Leider gab es keinen Schleim und die Bananen waren oft gerade alle. Das soll keine Kritik an der Verpflegung sein, denn im Zelt gab es leckere Nudeln, Schnittchen … , aber fürs Nudeln essen hätte ich pausieren müssen und Schnittchen habe ich Treppab beim Laufen nicht runter bekommen. 

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Ich genoss den Lauf, lebte für den Moment. Bloß nicht an die Zeit denken, die noch vor einem liegt. Immer wieder war ich beeindruckt, wenn  hochzu Marco oder Antje an mir mit einer Leichtigkeit vorbeistürmten, oft auch noch mit ein paar netten Worten. Auch mit anderen Mitläufern kann man ins Gespräch, vor allem wenn man hintereinander die Treppe wie in einer Seilschaft hochstieg.
 Gerührt war ich auch von der Anteilnahme von Heike, sie machte sich am Anfang Sorgen um mich, dass ich viel zu schnell bin und nicht durchhalten könnte. Schließlich hatte ich ja kaum Erfahrungen mit Ultraläufen. Aber ich wusste was ich tat und lief gefühlsmäßig kräftesparend.
 Dann waren da noch die Zuschauer! An erster Stelle natürlich mein Mann, der mich anfeuerte aber es auch in kurzer Zeit geschafft hatte, mir einen „Fanclub“ aufzubauen, aus mir bisher unbekannten Leuten, die mich dann Runde für Runde lauthals und namentlich anfeuerten. Im Laufe des Nachmittags und Abends tauchten an der Strecke dann noch meine Tochter mit ihren Freundinnen auf, meine Tante Reni aus Dresden und meine Freunde aus der Laufgruppe Birgit und Klaus. Alle feuerten mich an und motivierten mich durchzuhalten.

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Dann kam die Nacht und es wurde am Streckenrand ruhiger aber nicht unbedingt härter, wie mir einige vorher versichert hatten. Durch die am späten Abend gestarteten Staffeln war ständig „Stimmung“ auf der Strecke. In halsbrecherischer Weise stürmten die teils jugendlichen Läufer die Treppe hinunter. Mehrmals schrie ich vor Schreck auf, weil ein Sturz nur knapp vermieden wurde.

 Herrlich war der Blick auf das nächtliche und beleuchtete Dresden. Es war zum Glück auch nicht richtig kalt geworden. Irgendwann entschloss ich mich dann auch mal dazu, mir etwas Trockenes und Langärmliges anzuziehen. Ich nahm mir vor, immer nach 10 Runden „ Pause“ zu machen, dass heißt, auf die Toilette zu gehen, mich umzuziehen oder mal richtig im Zelt zu speisen. Kündigte das auch mehrmals an, aber es wurden immer nur kurze Unterbrechungen von weniger als 5 Minuten um die Grundbedürfnisse zu befriedigen. Für längere Pausen hatte ich nicht die richtige Ruhe aber auch nicht unbedingt das Bedürfnis. Zu groß ist auch meine Angst, dass nach einer Pause der „Motor“ in mir abgeschaltet hat, weil er denkt es ist Schluss und nicht wieder anspringen will

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Mehrmals hatte ich Sorge ob meine korrekte Runde gezählt wurde. Beim ersten Mal hatte ich plötzlich Angst, es könnte 2x gezählt worden sein, was dann wohlmöglich erst nach der Auswertung bemerkt werden würde… Da beruhigte mich aber Christian bei meiner Nachfrage und erklärte, dass das technisch nicht passieren könnte. Die anderen Male hatte ich vergessen ob ich die Rundenzählung überhaupt ausgelöst hatte oder nicht. Deshalb ließ ich nach Runde 50 prüfen ob ich in den letzten 10 Runden mal die doppelte Zeit brauchte. Natürlich war alles in Ordnung.

Wie erhofft hatte ich gegen 2.00 Uhr mit 50 Runden die Hälfte des Gipfels erklommen. Den Gedanken daran, das Gleiche noch mal absolvieren zu müssen (wollen), verdrängte ich sofort. Ich werde das schaffen! Außerdem haben sich für Sonntag erneut meine Familie und Freunde zum anfeuern angekündigt, da muss ich ja noch auf der „Piste“ sein. Auch war ich ja so leichtsinnig Familie, Freunden, Bekannten und Kollegen von meinem Vorhaben hier zu unterrichten und ich habe keine Lust erklären zu müssen, warum es ggf. nicht geklappt hat. Allerdings war mir klar, dass ich für die 2. Hälfte deutlich mehr Zeit benötigen würde, war auch schon langsamer geworden. Aber ich hatte ja 2h Reserve „angesammelt“

Schön war dann, als der Morgen anbrach. Plötzlich fingen die Vögel an zu zwitschern und es wurde langsam hell. Gegen 06.30 Uhr war dann meine Schwester aus Chemnitz zum Anfeuern da.
 Ich hatte etwa 70 Runden zurückgelegt und hatte mit einem mal Probleme im rechten Bein in Höhe Knie beim treppab. Eine Sehne, Muskel oder was auch immer schmerzte. So musste ich leider Tempo rausnehmen. Ausgerechnet hier, wo ich ja Zeit machen konnte! Bergab auf der unteren Wende schmerze es jedoch nicht und auch nicht die Treppe hoch. Ich schwächelte also.
 Zum Glück war dann Uta da. Uta die jedes Jahr den Treppenlauf bis zum Ende ohne Pause  durchzieht und die 100 Runden nur um 3 Runden verfehlt. Was für eine mentale Stärke und Energie! Mit Uta absolvierte ich nun einige Runden gemeinsam. Sie machte mir Mut, in dem sie meinte, dass sie in all den Jahren immer diese Rundenzeiten hatte und da ich ja an die 6 Runden Vorsprung hätte, ich die 100 Runden noch schaffen müsste wenn wir mit diesem Tempo weiter laufen würden. Bei einer meiner nächsten „Pausen“ salbte ich die schmerzende Stelle mit einem Gel ein, es war nichts geschwollen oder verfärbt. Ja und irgendwann hatte ich dann keine Probleme mehr. Glück gehabt!

Nach Marko, der bereits vor 7.00 Uhr den Gipfel als Erster erreichte, beenden nun immer wieder Läufer ihre 100 Runden. Mit jedem fühlt man mit und freut sich. Jeder der auf der letzten Runde ist, erhält von Clara, einem etwa 10jährigen Mädchen, das bis in die späte Nacht an der unteren Treppe saß und anfeuerte, einen Blütenzweig. So weiß jeder, dass dieser Läufer in der letzten Runde ist. Das ist total emotional. Ich bin davon jedoch noch weit entfernt.

Am Vormittag tauchte dann an der unteren Treppe mein treuer Lauffreund Hartmut auf, der extra wegen mir einen Besuch bei Verwandten auf dieses Wochenende legte, um mich anzufeuern. Im Schlepptau nahm ich ihn mit die Treppe hinauf, die Helfer drückten ein Auge zu.

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Gegen Mittag war auch wieder meine Tochter mit ihren Freundinnen da, die für Stimmung sorgten und mich motivierten. Ich hatte 90 Runden absolviert und war neben der normalen Müdigkeit vor allem mental müde. Was sind 10 Runden? Eigentlich der Endspurt. Jedoch, wenn ich daran denke, dass ich dafür noch über 2h brauche…

Irgendwie kommt mir dieses Gefühl bekannt vor. Das hatte ich auch letztes Jahr in Biel bei Kilometer 85- eine Lustlosigkeit aufgrund der Vorfreude auf das greifbare Ziel, so nach dem Motto „ ich will es jetzt gleich und nicht länger warten“ Also keine körperliche Schwäche sondern nur mental.

Mein Familie und mein spontaner Fanclub motivierte mich jedoch, vor allem als mein Mann mir mitteilte, dass ich jede Runde in 20 Minuten zurücklegen konnte um das Ziel zu erreichen, war ich wieder voll da. Ich hatte nämlich den Überblick verloren und keine Muße mehr zum Rechnen.

 Dann war sie da die letzte Runde! Mit Tränen in den Augen stürmte ich die Treppe herunter, erhielt von Clara den Blütenzweig um mit ihm an den Zuschauern vorbei die letzte Wende zu laufen. Alle jubelten und klatschten.

Clara machte noch ein Foto, dann ging es hinauf auf den Gipfel, den ich nach 23:00:47 h erreichte.

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Ich habe es geschafft und den Mt. Everest mit einer Höhe von 8848m hier in Radebeul bezwungen. Das war mein Ziel! Dass ich nebenbei auch noch den 2 Platz bei den Frauen belegte ist eine tolle Zugabe, denn wann stand ich schon mal auf dem Treppchen ???

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Nachbetrachtung:

 Alles was bisher über diesen Lauf geschrieben wurde stimmt. Er hat aufgrund seiner Idee, den Mt. Everest in der Höhe zu besteigen, einen unbeschreiblichen Reiz. Dazu die tolle Atmosphäre, Organisation und Verbundenheit aller Beteiligten. Für mich war es ein nachhaltiges Erlebnis, dass mich stolz macht, etwas Besonders geschafft zu haben, dass eigentlich total verrückt ist und auch noch nicht so viele geschafft haben.

Der Lauf war anstrengend, aber eher aufgrund seiner Dauer und dem Ziel 100 Runden schaffen zu wollen. Entgegen vorherigen Warnungen hatte ich während des Laufes nicht einmal daran gedacht aufzuhören.

Dass man nebenbei einen Doppelmarathon läuft, habe ich gar nicht so empfunden.

Jetzt 2 Tage nach dem Lauf bin ich nahezu beschwerdefrei. Der Muskelkater ist fast weg, die aufgeriebenen Schupperstellen am Körper verheilen und die zwei Fußnägel, die abfallen werden, werden auch wieder nachwachsen.

Ob ich noch mal wieder kommen werde? Ich denke eher nicht. Ich werde mit Wehmut jedes Jahr daran denken, aber ich habe mein Ziel erreicht. Für eine erfolgreiche Wiederholung fehlt mir die nötige Motivation, auch für das Training dazu.

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