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Swissalpine K78 am 30.07.2011 in Davos (Schweiz)

Ein Bericht von Gabi Lipfert

 Bereits seit 2004, als ich mit dem Training für meinen ersten Marathon begann, träumte ich davon, einmal den Swissalpine über die „Königsdisziplin“ zu laufen. In einem Marathonvorbereitungsbuch hatte ich einen Laufbericht darüber gelesen.

Dieses Jahr war es nun so weit. Mit dem Supermarathon beim Rennsteiglauf  2008 und den 100 km von Biel im letzten Jahr  hatte ich bereits ein wenig Erfahrung mit Ultraläufen gesammelt. Außerdem absolvierte ich ja im April diesen Jahres erfolgreich den Radebeuler Mt. Everest-Treppen-Marathon über 8848 Höhenmetern. Da hielt ich es für eine gute Idee, das Training dafür gleich auszunutzen und den Swissalpine im Anschluss noch „mitzunehmen“.

 Nach 12 Tagen Fahrrad-Urlaub in der Bretagne in Frankreich reiste ich mit meinem Mann Andreas bereits am Donnerstagabend in Davos an. So hatte ich am Freitag die Möglichkeit, mit einer Gondelfahrt auf  das Jakobshorn, mich schon mal an die Höhe zu gewöhnen. Ich fühlte mich sehr  gut und war recht gelassen. Durch den Fahrradurlaub hatte ich noch vorher nicht geplantes „Bergtraining“ absolviert, da es dort unerwartet hüglig war und wir die Räder sehr oft Berge hinaufschieben mussten.

 Der Swissalpine 2011 war dieses Jahr eine Besonderheit. Er führte dieses Jahr als  „Test für eine Schlechtwettervariante“ ab Keschhütte über einen anderen Pass (Sertigpass) und anders Tal zurück nach Davos. Damit war er dieses Jahr länger (79,1 km) und es mussten auch mehr Höhenmeter zurückgelegt werden, als in den letzten Jahren.  Ich war jedoch zuversichtlich und davon überzeugt den K78 des Swissalpine erfolgreich zu meistern, als ich am Sonnabend früh um 07.00 Uhr am Start stand. Kurz vor dem Start traf ich noch die mir bekannten Ultraläufer Andrea Möhr aus Berlin und Dieter Geyer aus Hannover.

 Das Wetter war mit Temperaturen um die 15°C und klarer Sicht gut. Der Swissalpine K78 ist aufgrund seines Profils nicht mit anderen Marathons zu vergleichen. Man läuft im Prinzip erst einen Marathon ( Bergün 40,3 km) um dann einen Gipfelanstieg zur Keschhütte mit 1350 Höhenmetern auf einer Länge von 13,9 km zu absolvieren (im Durchschnitt sind das fast 10% Steigung) , anschließend die Passüberquerung mit noch mal 342 Höhenmetern und der Abstieg mit einer Länge von ca. 20 km nach Davos mit noch einigen kleineren „Höhenschikanen“. Meine einzige Sorge war, dass ich die Zielschlusszeiten für bestimmte Streckenpunkte schaffe, um nicht vorzeitig aus dem Rennen genommen zu werden. Meine erste Richtzeit war deshalb in Filisur nach 31,1 km. Dorthin ist auch Andreas mit der Bahn gefahren um mich anzufeuern.  Die Strecke nach Filisur ist herrlich.

Wiese mit Berge

Man läuft über grüne Wiesen mit Blick auf die Berge , steigt über schmale Waldwege und sieht in die Täler, durchquert Schluchten mit Tunnels neben reißenden Bächen. In den Dörfern und an den Verpflegungspunkten wird man lauthals mit Kuhglockengebimmel und Klatschen angefeuert.

Brücke Klamm

Ich komme gut voran. Wie gewohnt sprinte ich die abschüssigen Wege hinunter, kurze Anstiege laufe ich und die steileren, längeren Passagen gehe ich, wie alle anderen neben mir auch. Wenn es bergauf geht und ich sowieso anhalten muss, nehme ich mir auch noch Zeit zum fotografieren.

Erstes Highlight ist bei Kilometer 25 in Wiesen. Zum einen werde ich an der Verpflegungsstelle  am Bahnhof namentlich begrüßt zum anderen überqueren wir hier auf  einem schmalen Pfad  der Eisenbahnbrücke eine tiefe Schlucht. Neben uns fährt gerade der Regionalzug, so dass wir den Passagieren zuwinken. Am Ende der Schlucht geben drei Alphornbläser ihr Ständchen. Leider kreist über uns gerade der Hubschrauber mit dem Fernsehen, so dass wir das Konzert nicht wirklich hören.

Brücke Wiesen

Filisur bei Kilometer 31,1 erreiche ich wie geplant nach knapp 3 ½  h und somit eine Stunde Vorsprung vor Streckenschluss. Andreas ist wie verabredet da und macht Fotos.

Filisur

Nach einem kurzen Stopp an der Verpflegung geht’s weiter Richtung Bergün. An den Verpflegungspunkten beschränke ich mich zunächst auf Wasser und „verspeise“ eins meiner bewerten Gels von Sponsor. Später, nachdem mein Magen knurrte und was Festes wollte, nahm ich mir Müsliriegel mit, die ich beim Bergaufgehen knabberte. Bis Bergün ging es schon, bis auf wenige Abschnitte, stetig bergauf. In Bergün (Kilometer 40,3) war Kleiderwechsel angesagt. Es wurde uns vorher geraten, aufgrund der  niedrigeren Temperaturen in der Höhe, langärmlige Kleidung , Mütze … anzuziehen. Diese Sachen konnte man vorher hierher nach Bergün transportieren lassen. Ich nutze das und wechselte mein verschwitztes und nasses
 T-Shirt, zog was langärmeliges unter und nahm noch eine leichte Jacke mit, die ich mir zunächst um den Bauch band. Außerdem steckte ich mir weitere Gels ein. Dann erst ging es über die Zeitnahmematte, die ich nach 05:19h überquerte und damit immer noch 1h Vorsprung vor dem Zielschluss hatte. Von nun an ging es nur noch bergauf . Die 7 km bis Chants  mit einer Steigung von ca. 5-6%, danach waren es zum Teil 10- 15%. Ich weiß nicht mehr genau ab wann nur noch gegangen wurde, aber mit Sicherheit ab Chants war „nur noch“ Bergwandern angesagt. Da ich das Gefühl hatte, dass ich in der Lendenwirbelgegend etwas fest wurde, ließ ich mir von den Helfern in Chants eine wärmende Salbe raufschmieren. Das hat gut geholfen. Ansonsten fühlte ich mich gut. Mit Bergwandern habe ich ja Erfahrungen. Aber es war anstrengend und ich ärgerte mich, dass ich nicht schneller konnte, mich andere hier überholten.

Kilometer 50

Dann fing es an zu regnen, es wurde windiger und kälter. Ich bedauerte nun, den Regenumhang in Bergünvergessen zu haben, da meine Jacke nur eine Windjacke ist und dem Regen nicht lange standhalten würde. Zum Glück hörte der leichte Regen schnell wieder auf.  Irgendwann war dann endlich die Keschhütte (2632 m) in Sicht, das nächste Etappenziel. Ein Mitstreiter bestätigte mir nochmal, dass wir gut im Zeitplan liegen, immer noch 1 Stunde vor Zielschluss. An der Keschhütte (Kilometer 52,9) traf ich dann nach 8:23h ein. Die Sicht war zum Glück gut, so dass ich noch ein paar schöne Fotos machen konnte.

Keschhütte

Dann stärkte ich mich mit Brühe, in die ich zusätzlich noch Schweizer Rosinenbrötchen eintunkte. Das füllte dann schnell den Magen mit was Festem, ähnlich wie Schleim. Mir ging es jetzt blendend.
 Die Anstrengung des Aufstiegs war wie weggeblasen, die Beine waren leicht und ich sprühte förmlich vor Energie. „ Was für ein geiler Lauf!“ Zunächst erfolgte ein teils technisch anspruchsvoller Abstieg in das Hochtal auf der anderen Seite der Keschhütte. Hier wären Stöcke und Knöchelstiefel jetzt gut. Trotzdem versuchte ich so schnell wie möglich von Stein zu Stein zu springen, immer unter der Vorsicht, nicht hängen zu bleiben und zu stürzen.

Abstieg Kesch

Plötzlich setzte wieder der Regen mit starkem Wind ein. Diesmal aber recht heftig. Zum Glück waren wir gerade an einem Verpflegungszelt und der Veranstalter hat Vorsorge getan. Wir wurden alle mit orangefarbenen Regenmänteln versorgt, die man uns anzog. Dafür großes Lob dem Veranstalter und den Helfern!

Verpflegung Hochtal

Man sagte mir außerdem, dass es hier nur Wasser zum Trinken gäbe, aber an der Verpflegung in 5 min (???) weiter , gäbe es Brühe. Entweder habe ich mich verhört und  man meinte 5 km , denn es waren nicht 5min sondern
 50 min bis zum nächsten Verpflegungspunkt oben auf dem Sertigpass. Das Wetter war jetzt wirklich ekelig. Sprühregen und Wind. Nur gut, dass wir den Regenmantel hatten. Dann der letzte große Anstieg auf den Sertigpass.

Aufstieg Pass

Hier gab es  die versprochene Brühe.

Sertigpass

Dann der Abstieg hinein in eine „Waschküche. Es klarte jedoch recht schnell auf und regnete auch nicht mehr. Jetzt konnte man weit in das Tal sehen und sah auch den nächsten Verpflegungspunkt unten auf einem breiteren Wanderweg. Das beflügelte und da es nun in Serpentinen bergab ging konnte ich auch recht zügig laufen. Die Beine fühlten sich weiter locker an und ich sagte mir „ jetzt nur noch 20km locker auslaufen!“.

Kilometer 60

In SertigDörfli wurde ich vom Sprecher erneut namentlich begrüßt. Da er wohl auf meinem
T-Shirt den Borussia - Adler sah, verkündete er: „Gabriela Lipfert – aus Deutschland  von Herta BSC“…

Am Verpflegungspunkt sagte man mir, dass es jetzt nur noch 13,5 km bis Davos sind und  ich es locker bis 21 Uhr schaffen würde. Erstaunt vernahm ich, dass es bereits 18.30 Uhr war. Das wäre eigentlich die Zeit für den Zielschluss hier gewesen. Wo habe ich nur die 1 h verloren? Allerdings, kann diese Zeit nicht stimmen, ist angesichts der Zielschlusszeit in Davos viel zu früh und es kommen auch noch so viele nach mir. Ist auch egal, ich habe es ja so oder so geschafft.

Ich sah das Ziel vor Augen und dachte mir, 13,5 km nur bergab, das müsste ich in ca. 2h schaffen. Andreas informierte ich so entsprechend auf die Mailbox seines Handys, damit er nicht zu früh schon angestrengt nach mir Ausschau hält.

 Es kam aber anders als ich dachte. Von wegen nur noch bergab! Es ging auf einem wunderschönen Wanderpfad durch den Wald von Clavadel. Ja, wunderschön zum wandern aber nicht zum laufen, wenn man schon 12 h unterwegs ist und 65 km in den Beinen hat. Es ging ständig auf und ab, die ersten Kilometer eher ständig bergauf. Anfangs versuchte ich noch zu laufen aber da diese Aufwärtstendenz über eine längere Strecke anhielt, gab ich entnervt auf und ging diese Passagen. Ich war jetzt müde und verärgert, dass ich nicht vorwärts kam. Dann ein langer steiler Abstieg nach Clavadel, den ich allerdings auch nicht mehr so hinunter sprinten konnte wie zum Beginn des Rennens, da die Muskeln doch schon etwas fest waren und der rechte Fußspann schmerzte, dann schon wieder ein längerer steiler Anstieg durch Clavadel und  nachfolgend in den Wald auf einen Weg, der oberhalb des Tals verlief. Unter uns im Tal war das Zentrum von Davos mit dem Stadion. Wir liefen förmlich daran vorbei. Endlich der ersehnte ab recht steile endgültige Abstieg ins Tal nach Davos. Dieses ständige Erschütterung , die fehlende feste Nahrung , taten meinem Magen anscheinend nicht gut, so dass mir kurz vor Schluss noch übel wurde und ich mich übergeben musste. Na gut, dass kenne ich nun schon, ist mir auf der „Treppe“ auch passiert. Danach war aber wieder alles ok und ich konnte problemlos weiter laufen.  Die letzten 2 Kilometer durch das Stadtzentrum von Davos waren schön zu laufen und ich hatte auch nicht das Gefühl „auf dem letzten Loch zu pfeifen“. Den Einlauf in das Stadion genoss ich. Ich wurde namentlich begrüßt und es wurde ein Rock´n Roll gespielt. Nach 13:18:13h, 79,1 km und über 2400 Höhenmetern überquerte ich glücklich die Ziellinie.

Zieleinlauf