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Vom Jogger zum Läufer – Mein erster Marathon

15. Renta Oberelbe-Marathon 29.04.2012

Ein Bericht von Claudia Stephan

Seit knapp 2 Jahren gehöre ich nun zur Laufgruppe der Borussia Friedrichsfelde Berlin. Schon lange vorher war es in sportlicher Hinsicht mein größter Wunsch, einen Marathon zu laufen, denn auch mich hat dieser Mythos seit jeher in seinen Bann gezogen. Da ich den weit verbreiteten Trainingsplänen à la "Vom Laufmuffel zum Marathoni in 6 Monaten" nicht über den Weg traue, habe ich mir für die Realisierung meines Traums sehr lange Zeit gelassen. Durch die gemeinsame Zeit mit meinen Lauffreunden, in der sie von ihren vielen, tollen Marathonerlebnissen berichteten, reifte mein Traum langsam aber sicher zum festen Plan heran. Im vergangenen Jahr habe ich mich noch davor gedrückt, aber dieses Jahr sollte es nun soweit sein. Ich meldete mich also zur Jahreswende für den Oberelbe-Marathon am 29.04.2012 an. Die Entscheidung für diesen Lauf rührte zum einen aus der Tatsache, dass er landschaftlich sehr schön sein soll und nicht überlaufen ist und zum anderen aus dem Angebot Birgits, mich dorthin zu begleiten. Da ich im letzten Jahr schon einige Halbmarathons sicher bestritten hatte und unser sonntägliches Training eigentlich auch immer einem Halbmarathon, wenn auch einem langsamen, entsprach, hielt ich die Vorbereitungszeit für realistisch. Und so absolvierte ich Woche für Woche meine immer länger werdenden Läufe bis der Tag X schließlich bedrohlich nahe rückte.

Meine Lauffreunde machten mir bei jeder Gelegenheit Mut und gaben mir fortwährend Tipps rund um das Training und den eigentlichen Lauf. Ich gebe zu, mein Selbstbewusstsein ist dadurch nicht gerade gestiegen, aber der Beistand hat durchaus wohlgetan.

Am Samstag zuvor bei sommerlichen Temperaturen in Dresden angekommen, holten Birgit und ich auf der Marathonmesse im World Trade Center unsere Startunterlagen ab und trafen dort Gabi, Katrin und Annette.

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Noch ein letztes Mal checkten wir unser Stimmungsbarometer – es reichte von grenzenloser Vorfreude (Gabi) über leichte Aufregung und Angst vor potentiellen Schmerzen (Birgit) bis hin zu blanker Versagensangst (ich). Nach dem kurzen Plausch trennten sich unsere Wege und wir machten uns langsam auf nach Wilsdruff zu Birgits Schwester, die uns für das Wochenende Unterschlupf gewährte.

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Um 9:30 Uhr fiel dann endlich der Startschuss auf der Festwiese in Königstein, und unter lautem Jubel der 1200 Starter ging es los auf meine erste große Marathonreise, entlang des bekannten Elberadwegs hinein nach Dresden. Der Sonnenschein weckte sommerliche Gefühle, eine leichte Brise wehte angenehm im Rücken und der uns auf dem Wasser begleitende historische Raddampfer PD Wehlen ließ lautstark Dampf ab.

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Ich hängte mich zusammen mit den anderen erst einmal an die 4:30h-Zugläuferin, die wie ihre Kollegen ein T-Shirt mit entsprechend aufgedruckter Zielzeit

trug und mit einem farbigen Ballon ausgestattet war. Kurze Zeit später bin ich ein wenig vor gelaufen, weil ich aufgrund meiner Aufregung etwas Ruhe wollte um in meinen Fluss zu finden. Ich merkte, dass der Abstand zwischen mir und meinen Lauffreunden etwas größer wurde und dachte voller Optimismus, dass das doch ein wunderbares Zeichen sei, um, sollte es so weiter laufen, vielleicht sogar unter 4:30h ins Ziel zu kommen. Was für ein naiver Gedanke das war, sollte ich später noch deutlich zu spüren bekommen! Aber das wusste ich bis dato ja noch nicht und so lief ich und bestaunte die wunderschöne Natur mit ihren beeindruckenden Felsformationen entlang der gegenüberliegenden Elbseite.

Leider spürte ich seit Beginn einen kleinen Schmerz im Zwerchfell und hatte Angst, dass sich dieser zu einem bösen Seitenstechen entwickeln würde. Diese Erfahrung hatte ich schon einige Male zuvor machen dürfen, wenn ich aufgrund meiner Aufregung zu Beginn von Wettkämpfen falsch atmete. Und so wollte im weiteren Verlauf kein rechter Fluss in meinen Lauf kommen. Hinzu kam - und ich muss gestehen, ich hatte gerade erst um die 10 km hinter mich gebracht - dass ich meine Beine spürte! Das konnte doch nun wirklich nicht sein. Das durfte einfach nicht sein, mein Körper spielt mir einen Streich! Ich hatte schwere Beine – und nicht mal annähernd die Hälfte war geschafft. OK, dachte ich, lauf weiter, schau dir die Landschaft an und knabber’ ein bisschen an deinem Energieriegel. Beim Training griff ich gern zu diesen Dingern, weil sie mir persönlich deutlich besser schmecken als die klassischen Gels. Aber die zurückliegenden Trainingseinheiten fanden auch bei deutlich kühleren Temperaturen statt und so war mein Riegel bei diesem Wetter zu einer klebrigen Masse mutiert. Egal, Hauptsache süß.

Während dieser Anfangsphase hatte ich die Orte Rathen und Wehlen hinter mir gelassen und mich ein bisschen an den am Streckenrand jubelnden und klatschenden Zuschauern erfreut. Da kam mir Birgits Spruch aus dem Zug wieder in den Sinn: „Diese ganze Strecke müssen wir nachher wieder zurück!“ Pirna, dachte ich, Pirna liegt ca. bei km 18. Wann kommt denn endlich dieses Pirna??!!

 

Ah, da war es endlich. Noch auf dem Elberadweg erlitt ich jedoch sogleich den ersten richtigen Rückschlag. Die 4:30h-Zugläuferin, umringt von einer Traube Anhänger, überholte mich mit einem (gefühlten) Affenzahn, dass meine Knie weich wurden. Wie konnte das denn sein?! Und die schnatterten auch noch als ob sie sich auf nem 5 km Schnupperlauf befänden! Dranbleiben, dachte ich, und verabschiedete mich nach 20m wieder von diesem Gedanken. Egal, dann komme ich eben nicht in 4:30 h ins Ziel. Vom Radweg links abgebogen, rein in das idyllische Städtchen. Vorbei an hübschen Restaurants und Cafés ging es weiter ins historische Zentrum der Altstadt, in dem eine Gruppe fescher Cheerleader für uns Spalier stand und - ich hatte Glück, denn es befand sich kurzzeitig niemand unmittelbar vor oder hinter mir - nur für mich mit ihren rot-schwarzen Puscheln anfeuernd wedelte. Den Schwung nahm ich natürlich dankend mit und so ging es ein bisschen flotter wieder weiter in Richtung Elberadweg. Und dann ereilte mich plötzlich Schlag Nummer zwei. Meine Lauffreundin Birgit überholte mich in ihrem gewohnt kernigen Laufstil. In bester Laune, zumindest stellte es sich mir so dar, fragte sie im Vorbeiflug ob es mir gut ginge – JA! Gut, dass sie es nicht genauer wissen wollte.

 

Inzwischen müssen die Temperaturen bei 23-25 Grad gelegen haben und ich war dankbar für jede Verpflegungsstelle im Abstand von 5 km. Nicht nur zum Trinken war das Wasser bei konstant fehlendem Schatten nötig, auch nutze ich die bereit gestellten Schwämme, um mir immer wieder Gesicht, Brust, Rücken und Beine nass zu machen. Inzwischen in der Nähe des Örtchens Heidenau (km 25) angekommen, gesellte sich plötzlich Gabi zu mir. Zu Rückschlag Nummer drei kam es nicht. Ganz im Gegenteil: Ich spürte pure Dankbarkeit, endlich auf jemanden zu treffen, der mich „mitnehmen“ konnte. Ich fing sofort an zu jammern und beklagte die Hitze und meine schweren Beine. Wortlos hielt mir Gabi eine ihrer Wunderwaffen hin, ein Sponsor-Gel, und lief fröhlich weiter. Da ich noch ein bisschen in Gesellschaft bleiben wollte, blieb ich dran und wie liefen ein Weilchen zusammen.

 

Ich versuchte mir vorzustellen, wir wären in unserer heimatlichen Wuhlheide auf einer unserer entspannten Sonntagsrunden, aber so richtig wollte es sich dieser Gedanke nicht in meinem Kopf gemütlich machen. Der Drang, eine Gehpause einzulegen wurde mit jedem Kilometer größer. Dann tat ich es, obwohl Gabi mir geraten hatte, nicht zu gehen sondern eher Tempo raus zu nehmen. Aber das entsprach bei meiner momentanen Geschwindigkeit eh dem Gehen. Und so hangelte ich mich ab km 30 von Kilometerschild zu Kilometerschild im Wechsel mit den Verpflegungsständen, mal gehend, mal laufend. Da meine Mitstreiter dasselbe taten, befand ich mich das letzte Viertel weitestgehend in gewohnter Gesellschaft. Mal überholte ich, dann wurde ich wieder überholt.

 

Als Gabi noch einmal in Reichweite kam, reichte sie mir ein zweites Gel (anscheinend hatte sie mehr als genug), das ich dankbar in Empfang nahm. Auch ich hatte noch zwei in Reserve, die ich mit Sicherheit noch brauchen würde.

 

Langsam aber sicher wuchs mein Kilometerkonto, denn auch in kleinen Etappen erreicht man irgendwann das große Ziel. Meine Stimmung befand sich irgendwo zwischen maßlos erschöpft, von der Situation genervt und irgendwie gelangweilt. Und so genoss ich die nicht abreißenden Anfeuerungen der Zuschauer, die meinen permanenten Tunnelblick wieder weiteten. So rief ein Steppke mir entgegen „Komm Claudia, zieh noch mal an! Die Verpflegung kommt gleich.“ Pah, anziehen! Wenn der wüsste wie das ist, dachte ich, konnte mir aber ein Grinsen in seine Richtung nicht verkneifen. An der Verpflegung bei km 37 - die Stadtgrenze Dresdens lag bereits hinter mir - bot ein hübscher junger Helfer am Wasserstand Schwämme feil. Ich nahm einen und bekam den nächsten aufbauenden Hinweis gleich mit dazu „Es wird noch hart!“ Danke sehr. Km 40, ich hatte inzwischen meine Bewunderung für den Läufer mit Strohhut und Teva-Sandalen wieder im Griff, rief eine junge Frau „Claudia, du bist eine Heldin!“ Ja, ich weiß.

Die letzten Kilometer in Dresden verliefen also recht kurzweilig, auch wenn die Luft aufgrund der stehenden Hitze zum Schneiden dick war. Es war egal, es konnte nichts mehr passieren. Ich hatte diese Distanz allein, auf meinen zwei Beinen, bestritten. Noch mal den Blick schweifen lassen über die tolle Kulisse, vorbei an den vielen klatschenden Leuten am Streckenrand und runter vom Radweg in Richtung Heinz-Steyer-Stadion. Für einen Augenblick dachte ich „Huch, da ist ja schon das Ziel!“ Die Ehrenrunde und der Zieleinlauf rief zwar keine Gänsehaut hervor wie beim Einlauf ins Berliner Olympiastadion, aber ob ich dort mit einem „Claudia Stephan aus Berlin, Jawoll!“ empfangen worden wäre…?

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Liebe Borussen, lasst mich an dieser Stelle die Gelegenheit nutzen euch herzlich zu danken für die tolle Zeit, die ich bisher mit euch verbringen durfte und im Besonderen für die Aufmunterung und Unterstützung im Vorfeld dieses Ereignisses. Die Euphorie nach meinem ersten Marathon hält sich zwar in Grenzen, aber der nächste kommt bald und hoffentlich wieder mit euch.

 

 

 

Ergebnisse:

 

Birgit Mohr         04:48:41
Gabi Lipfert        04:49:48
Claudia Stephan     04:54:07
Annette Kokoschko   05:29:12

Katrin Lipfert  (Halbmarathon)  02:13:24